Berlinale 2018: Nachhaltigkeit auf leisen Tatzen

„Energiewende, Diesel-, Plastik- oder Pestizidverbot sind für die Politik inzwischen ein zentrales Thema. Das berührt in vielen Bereichen auch die Film- und Medienbranche, die sich in vielen Ländern bereits darauf einstellt“, sagt Festivaldirektor Dieter Kosslick. Was spürt man davon bei der diesjährigen Berlinale?

Der ökologische Tatzenabdruck der Berlinale-Bären soll kleiner werden. Als Demonstration des guten Willens haben die Organisatoren der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin in diesem Jahr die Wegwerfbecher aus dem Pressezentrum verbannt. Stattdessen bieten sie für zwei Euro Pfand einen Kunststoffbecher an. Noch bevor man zu den Regalen kommt, wo sich die Journalisten morgens mit den aktuellen Zeitungen und Festivalmagazinen versorgen, empfängt einen ein Tisch mit pyramidenartig aufgetürmten weißen Bechern mit rotem Berlinale-Logo. Derart umweltfreundlich ausgestattet, kann man sich am Wasserspender den Durst löschen oder sich am Kaffeeautomaten noch einen Coffein-Kick vor der nächsten Filmaufführung geben. Klingt ökologisch, hat aber einen Schönheitsfehler, wie die Berliner Zeitung moniert, weil der Kaffee aus („ökologisch eher Bähhh!“) Kapseln gebrüht wird, die dann auch noch aus dem Hause Nestlé stammt.

Als weit wirkungsvoller in der Ökobilanz des Festivals erweist sich wohl die im Dezember eingeweihte Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin. In den Sozialen Medien erhält der ICE, der, angetrieben mit 100% Ökostrom, die beiden deutschen Filmmetropolen innerhalb von vier Stunden verbindet, immerhin viele gute Bewertungen. Eine Münchner Filmproduzentin etwa jubelt: „Der Zug erleichtert mein Leben. Ich komme öfter und gern damit nach Berlin. Und ich kann 4 Stunden in Ruhe arbeiten. Brauche nicht mehr 50 min allein, um zum Flughafen zu kommen…“

Während beim Streetfood vor dem Berlinale-Palast schon lange nicht mehr die Leberkäs-Semmel und das Schweinenackensteak dominieren, sondern handgemachte Spätzle, Biofleisch- und Veggieburger, findet man im Berlinale-Programm nur wenige Spuren, die darauf deuten, dass das Thema Nachhaltigkeit in der Branche wirklich eine Rolle spielt. Es surren keine Elektromobile durchs Bild und man entdeckt auf der Leinwand auch keine Vegetarier.

Marie Bäumer in „3 Tage in Quiberon“, einer Produktion, die mit dem Grünen
Drehpass ausgezeichnet wurde. / © Rohfilm Factory / Prokino / Peter Hartwig

Wenn Romy Schneider (hervorragend gespielt von Marie Bäumer) in „3 Tag in Quiberon“ nur Gemüse mit Dipp zu sich nimmt, dann nicht für den Klimaschutz, sondern weil sie wegen ihrer nächsten Filmrolle auf Diät gesetzt wird. Und doch hat der Film etwas mit Nachhaltigkeit zu tun. Die Produktion von Emily Atef wurde mit dem „Grünen Drehpass“ ausgezeichnet, den die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein seit 2012 vergibt. Das Catering aus regionalen Produkten, kein Plastik am Set und kurze Wege sorgten für umweltfreundliche Drehbedingungen. Zwei Drittel des bewegenden Dramas über das Leben des Weltstars Romy Schneider entstanden am Hauptmotiv auf der Ostseeinsel Fehmarn. Kostüm und Maske befanden sich im benachbarten Hotel des Casts. Es waren weder ein großer Fuhrpark noch Dieselgeneratoren notwendig. Alles war bequem zu Fuß erreichbar. Das sparte nicht nur Zeit und Kosten, sondern schonte auch die Umwelt.

Alba Rohrwacher (m.), Valeria Golino (r.) und Sara Casu (l.) in „Figlia Mia“. Die italienische
Produktion wurde nach den grünen Richtlinien der sardischen Film Kommission gedreht.  © Vivo film

Grüne Produktionsbedingungen zeichnete auch der Wettbewerbsbeitrag „Figlia Mia“ aus. Der auf Sardinien gedrehte Spielfilm von Laura Bispuris mit Alba Rohrwacher und Valeria Golino in den Hauptrollen entstand nach den grünen Richtlinien der Sardischen Film Kommission (Sardegna Film Commission, SFC). Energie sparte die Produktion ebenfalls vor allem dadurch, dass man die zurückzulegenden Strecken und die Zahl der Fahrzeuge gering hielt, Fahrgemeinschaften bildete und soweit wie möglich auf Trailer verzichtet hat. Der Strom wurde möglichst nicht aus Generatoren, sondern aus dem Stromnetz bezogen. Wichtig war es, die gesamte Crew vorab für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren und beim ökologisch motivierten Ressourcensparen „mitzunehmen“. Das Catering war einer der wichtigen Ansatzpunkte für den nachhaltigen Dreh. Mit dem Koch wurde vereinbart, frische, hochwertige und regionale Produkte zu verwenden. Es gab weder Vorgekochtes noch Nahrungsmittel, die in Plastik verpackt waren. Selbst wenn die Crew unter freiem Himmel gedreht hat, baute der Koch seinen mobilen Herd auf, um vor Ort zu kochen. Statt industriell hergestellter Snacks wurden in den Pausen Erdbeeren und Wassermelonen aus lokalem Anbau serviert.

„Isle of Dogs“ © 2017 Twentieth Century Fox

Und dann gab es doch noch Wes Andersons „Isle of Dogs“. Beim ihm geht es nicht ums grüne Produzieren oder um die kulinarische Versorgung am Set. Der Stopp-Motion-Animationsfilm zeichnet mit seinen Kulissen und Hintergründen das Bild einer Megacity der nahen Zukunft, das an seinem eigenen Müll zu ersticken droht. Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale erzählt die Geschichte des kleinen Atari Kobayashi, dem Pflegesohn des korrupten Bürgermeisters, der alle Hunde aus der Stadt verbannt, und dabei auch vor Ataris Bodyguard-Hund nicht Halt macht. Auf Trash Island, einer Insel, auf der der Müll der Stadt abgelagert wird, wird der Überlebenskampf der aus der Stadt verstoßenen Vierbeiner inszeniert. Atari begibt sich dort auf eine abenteuerliche Suche nach seinem Hund, freundet sich mit einem Rudel Mischlingshunde an und bricht mit deren Hilfe zu einer epischen Reise auf, die das Schicksal und die Zukunft der ganzen Präfektur entscheiden wird. Es geht um Freundschaft, Treue und Zusammenhalt. Um Betrug und Korruption. Um Gerechtigkeit und politisches Engagement. Und der Film zeigt mit apokalyptischen Motiven (ohne dass es für die Handlung weiter von Belang ist), wie die Welt in naher Zukunft aussehen kann, wenn sich nichts ändert – wie eine Mischung aus Müllkippe, Garzweiler und Fukushima.

 

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Poetische Begegnung unter Hirschen

Er war eine der großen Festivalüberraschungen der 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin: Der Film „On Body and Soul“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, die auch das Drehbuch schrieb.

Eine geglückte Premiere am ersten Berlinale-Freitag im Berlinale Palast. Eine Woche später hält die Regisseurin den Goldenen Bären in den Händen. Die Filmkritik bespricht den Film zunächst eher verhalten. Vielleicht weil sie erst noch die weiteren Wettbewerbsbeiträge abwarten möchte, bevor sie sich ein Urteil über die doch recht ungewöhnliche Erzählung traut.
Ein Schlachthaus in Budapest wird zum Schauplatz einer seltsam schönen Liebesgeschichte, heißt es im Ankündigungstext. Ganz anders beginnt der Film. Erhaben streift ein Hirsch im Wald umher. Leicht liegt der Dunst der Dämmerung in der Luft. Was es mit diesen traumhaften Bildern auf sich hat, kann man als Zuschauer zunächst nicht ahnen. Die Hirsche sind mehr, als nur die Metapher für die Seelenverwandtschaft der beiden Protagonisten. Sie ist ein hübscher, zarter und durchaus auch humorvoller Erzählfaden, der die Liebesgeschichte verwebt. Da ist zum einen die junge, menschenscheue Mária (Alexandra Borbély), die ihre Arbeitsstelle im Budapester Schlachthof antritt. Ihre autistischen Züge qualifizieren sie geradezu als Qualitätsprüferin, die stets verbissen alle Vorschriften beachtet. Während dem Zuschauer die Leinwand füllenden Aufnahmen blutig aufgespießter Rinderhälften jenen unangenehmen Gefühlscocktail wachrufen und seinen Entschluss zum Vegetarier konvertiert zu sein, unverrückbar bestätigt, lässt Mária jegliche Emotionen vermissen. Für sie zählen nur Zahlen und Fakten. Jedes Gramm Fett zu viel wird mit Punktabzug bestraft. Emotionen muss Mária im echten Leben erst lernen. Gefühle finden sich in ihren Träumen wieder. Sehnsucht nach Beziehung, nach Vertrauen, nach Zärtlichkeit. Endre (Géza Morcsányi), ihr Vorgesetzter, ist ebenfalls eine zurückhaltende Person. Er beobachtet seine neue Mitarbeiterin und, anders als die anderen Kollegen, die sie ob ihrer Merkwürdigkeiten meiden, sucht er ihren Kontakt. Behutsam erzählt Ildikó Enyedi die Geschichte der zaghaften Annäherung der beiden verschlossenen Menschen. Durch einen Zufall erkennen die beiden, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes Seelenverwandte sind. Beide träumen nämlich im gleichen Traum. Sie träumen davon, als Hirsch unterwegs zu sein. In jeder Traumgeschichte, die sie Tag für Tag gegenseitig erzählen und sie so von ihrer magischen, tiefen Seelenverwandtschaft erfahren, streifen sie suchend im Wald umher. Sie kommen sich näher und näher, bis sie an einem plätscherndem Bach aufeinander treffen. Ganz leicht berühren sich ihre warmen Nüstern. Man kann sich kaum eine zärtlichere Metapher ihrer Sehnsucht vorstellen.
Es ist diese Poesie, die den „On Body and Soul“ zu einem starken Film macht. Ildikó Enyedi ist ein famoses Drehbuch gelungen, das tief in die Seele zweier Menschen blicken lässt, deren Leben sie schmerzhaft hat lernen lassen, Gefühle nicht zuzulassen. Und die sich dennoch (oder gerade deswegen) auf den Weg machen zu erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man sich auf einen anderen Menschen einlässt. Eine seltsam zärtliche Liebesgeschichte, die den Goldenen Bären verdient hat.mh

Testről és lélekről / On Body and Soul, Regie: Ildikó Enyedi (2017)

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Ver.di sei Dank!

Zum Schluss sind doch noch alle rechtzeitig zur 67. Berlinale gekommen. Und das sogar weitgehend klimaneutral – wenn auch nicht ganz freiwillig.

Erste Pressevorführung im Berlinale-Palast. Die Journalisten haben es rechtzeitig nach Berlin geschafft – per Bahn, Auto oder FlixBus. Nur wer aufs Flugzeug setzte, hatte Pech gehabt.

Ausgerechnet in der ersten Berlinale-Woche hat die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di die Beschäftigten der Bodenverkehrsdienste an den Flughäfen Tegel und Schönefeld zu Warnstreiks aufgerufen. Die Warnstreiks starteten zu Schichtbeginn in den frühen Morgenstunden. Erhebliche Beeinträchtigungen werde es geben, hieß es, im schlimmsten Falle muss man sogar mit der Stornierung rechnen.
Erfahrungsgemäß wird zwischen den beiden Hauptstädten des Films geflogen. Im Januar zum Deutschen Filmball von Berlin nach München, im Februar zur Berlinale anders herum. Diesmal konnte man das mit dem morgendlichen Flug knicken, weil die laufenden Verhandlungen zum Vergütungstarifvertrag ins Stocken geraten sind.
Also trafen sich die Filmschaffenden – die graue Sakkos tragenden Geschäftsführer und Produzenten, die etwas bunter gekleideten Geschäftsführerinnen und Produzentinnen und die Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich mit kreativ gebundenen Schals und originellen Mützen gegen den Wind schützen, der im Februar so unangenehm kalt zwischen Potsdamer Platz und Berlinale Palast weht – nicht wie üblich am Gate von Air Berlin oder Lufthansa. Öfter als sonst, begegnen sie sich stattdessen am Bahnsteig, wartend auf den völlig überfüllten ICE, im Smalltalk über den Streik des Bodenpersonals und darüber, dass man nicht mal mehr eine Reservierung in der ersten Klasse erhalten habe.
Da rächt es sich, nicht früh im Vorfeld den Zug gebucht zu haben. Die Deutsche Bahn und die Internationalen Filmfestspiele Berlin haben doch eigens eine Kooperation geschlossen, die damit wirbt, bequem per Bahn mit 100 Prozent Ökostrom in die Bundeshauptstadt zu reisen. Quasi komplett emissionsfrei. Es wäre ein einfacher Weg, die persönliche Klimabilanz (und nebenbei auch die des Festivals) zu verbessern. Immerhin spart man bei einer null Kilogramm CO2-Bahnfahrt im Vergleich zum Flug ganze 310 Kilogramm CO2 ein. Das Klima wird es jedem Berlinale-Besucher danken. In diesem Jahr müsste man korrekter Weise zunächst der Gewerkschaft Danke sagen.
Vielleicht wird zur kommenden Berlinale der eine oder andere ja freiwillig auf den Zug umsteigen. Zumal die Bahn bis dahin vermutlich mit der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin dem Flieger auch hinsichtlich der Reisedauer ernsthaft Konkurrenz machen wird. mh

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